Archive for Mai 2012

…und dann hat mein Bein gebrannt…

Auch Radiohören ist etwas Besonderes in Irland. Natürlich gibt es wie bei uns die Radioshows bei denen die Musik im Vordergrund steht. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich aber die Radioshows bei denen man anrufen und über Gott und die Welt erzählen kann.

Vor zwei Jahren haben wir eine Show gehört in der es um Outdoorklamotten ging. Die Radioleute haben sich kaputtgelacht über die Menschen, die die teuersten Outdoorklamotten haben die bis Minus 20°C halten und damit ausschliesslich durch Dublin spazieren und in Echt nicht Polarforscher sondern Buchhalter sind.

Heute ging es um Amputierte und ihre Situation in Irland.

Allein im Westen Irlands stehen derzeit 120 Menschen auf der Warteliste für eine Prothese. Normalerweise sollte die Anpassung der Prothese drei bis vier Wochen nach der Amputation erfolgen, wenn die Wunden verheilt sind. Hier dauert es aber bis zu sechs Monate bis man seine Prothese bekommt. Schlecht wenn man da auf die staatliche Gesundheitsorganisation HSE angewiesen ist. Gut wenn man eine private Krankenversicherung hat. Im Radio berichten Jerry (mit staatlicher Gesundheitsversorgung) und Helen (mit Privatversicherung) von ihren Prothesenerfahrungen. Jerry wartet nun schon seit zwei Monaten auf ein Ersatzteil, Helen hat das Luxusmodell bei dem man sogar High Heels tragen kann wenn einen Knopf drückt der die Ferse entriegelt. WOW!

Jerry hat mittlerweile die fünfzehnte Prothese. Normalerweise hält so eine Prothese vier Jahre. Nicht bei ihm. „Naja“, meint er, „die eine ist verbrannt, ein paar sind gebrochen, oder halt einfach kaputt gegangen“. „Wie verbrennt man denn eine Prothese, in drei Gottes Namen?“ meint der Moderator. „Na ja, ich war auf dieser Party und da habe ich viel zu nah an dem Heizstrahler gestanden, es hat was komisch gerochen, aber das hat mich nicht weiter gestört…

…und dann hat mein Bein gebrannt…

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Ein trauriges Thema

Als wir in 2010 im Mai hier auf Achill Island waren, haben wir ein Reisetagebuch geschrieben, quasi als Methadonprogramm für zwei Twitter- und Facebookjunkies ohne Internetanschluss. Mittlerweile haben wir hier auch Dank Mifi-Modem und Prepaiddatenkarte keine Ersatzdrogen mehr nötig, die Tradition des Reisetagebuches möchten wir aber fortführen.

Das erste Thema hat aber nichts Lustiges in sich. Zum Einstieg nochmal unsere Reisetagebucheintrag vom Mai 2010:

Der dunkle Geist der Rezession

Ein Geist geht um in Irland.

Er heißt „Rezession“ und ist allgegenwärtig. Nahezu jedes Gespräch mit den Einheimischen

beginnt mit den Worrten: „Na, habt Ihr in Deutschland auch so eine schlimme Rezession?“

Hier ist die Situation aber auch wirklich aberwitzig. Während der Zeit des Celtic Tigers sind

die Löhne – zumindest in den größeren Städten – in den Himmel geschossen. Auf einmal hatte das arme Volk der Iren die Taschen voller Geld. Und was macht man mit dem ganzen Geld?

Man gibt es aus, und zwar mit vollen Händen. Man hat so lange so wenig gehabt, jetzt ist man

auch mal dran. Und so geht es los. Und weil man all die schönen Dinge sofort haben mag leiht

man sich das Geld von der Bank. Ist ja kein Problem, man verdient ja ordentlich und kann den

Kredit zurückzahlen.

Also baut man flott ein Haus, die Häuser kosten, nebenbei bemerkt circa das Doppelte von

dem, was sie bei uns in Deutschland kosten. Und man kauft sich schnell ein Auto, ach komm,

was soll das zaudern, nehmen wir doch zwei, für die Gattin auch eins. Im Urlaub war man ja

auch schon so lange nicht mehr…

Mit den Löhnen steigen auch die Preise, macht ja nichts, man hat ja Geld. Das führt zu Preisen, die jenseits von Gut und Böse sind. Im örtlichen Supermarkt (der nächste ist 70 km ent-

fernt) kosten 4 Rollen Toilettenpapier 3,50€. Da überlegt man sich doch, ob man zum Klo

geht… Lauchzwiebeln, die wir vor unserer Reise in Deutschland noch für 0,49€ gekauft haben,

kosten hier 0,79€. Nein, nicht in der Apotheke, sondern bei Aldi. Aldi gibt es hier ebenso wie

Lidl, zumindest in den größeren Städten. Und spätestens seit das Gespenst der Rezession um-geht, erfreuen sich die Discounter auch hier großer Beliebtheit.

Aber zurück zur Rezession. Der Celtic Tiger ist schon länger kein Tiger mehr, sondern allen-

falls ein altersschwacher Stubenkater. Und so wie vormals die Löhne ist jetzt die Arbeitslosig-

keit in den Himmel geschnellt. Viele, insbesondere die jungen Leute sind arbeitslos und sitzen

auf Bergen von Schulden.

Die Preise jedoch, die sind gleich geblieben. Na ja, fast. Im „Ring Café“ in Westport gibt es

jetzt eine Rubrik „Ring´s Recession Menue“ auf der Speisekarte. Da kostet der Cheeseburger

mit Pommes und Salat dann nur 5,95€. Apropos Cheeseburger. Auch McDonalds ist hier eine

echte Apotheke. Der Cheeseburger, den man bei uns für einen Euro bekommt, kostet hier

1,95€. Respekt.

Ach, doch ein Preis ist wegen der Rezession gesunken. Das Pint Bier ist um 0,20€ gesunken.

Ist doch mal was, dann kann man sich die Rezession wenigstens wegsaufen…

Das war also in 2010.

Jetzt, in 2012 ist die Rezession dann richtig voll da. Und neben all dem was man sich denken kann, gestiegene Arbeitslosigkeit, gestiegene Insolvenzen und so weiter, ist auch die Selbstmordrate massiv gestiegen. Im Internet findet man hierzu die unterschiedlichsten Zahlenangaben. Nach Aussage von Amnesty International haben Griechendland und Irland mittlerweile in Europa die höchsten Selbstmordraten, wen wundert das?

Das Ganze könnte man noch für politische Aussagen ohne tiefere Substanz halten, würde einem das Thema hier nicht überall begegnen.

In Kneipen liegen Flyer von Selbsthilfegruppen aus, auf dem Klo hängt eine Liste mit Telefonnummern von Telefonseelsorge und anderen Anlaufstellen für Suizidgefährdete. Als wir über dieses Thema gestern mit irischen Freunden diskutiert haben, bestätigten sie uns dass die Zahl der Selbstmordtoten übermäßig gestiegen ist. Gerade hier auf Achill, der größten irischen Insel, auf der es aber neben Tourismus und Fischerei nur wenige Jobs gibt, seien im letzen Jahr deutlich mehr Selbstmorde als in den Vorjahren vorgekommen. Es seien meist die jungen Leute zwischen 18 und 25 Jahren.

Zumindest wird das Thema nicht im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen, sondern aktiv angegangen.

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